Univertität zu Köln
 
 
 
 

23. November 1998


Andreas Freytag

Handelsbilanzen und Handelspolitik

Der Handelsbilanzsaldo scheint die wichtigste Kennzahl der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu sein. Anders kann nicht erklärt werden, daß regelmäßig, wenn neue Daten veröffentlicht werden, also monatlich, eine erregte Debatte darüber anhebt. Ist die Handelsbilanz aktiv, fallen die Kommentare beruhigt aus; die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen gilt als hoch. Eine passive Handelsbilanz wird hingegen als Indiz für eine sehr mangelhafte Konkurrenzfähigkeit der inländischen Unternehmen angesehen. Interessanterweise werden in diesem Fall zudem noch unfaire Praktiken ausländischer Firmen oder gar Regierungen vermutet. Eine aktive Handelsbilanz wird allerdings nicht auf ein solches Verhalten zurückgeführt.

Die Erregung wäre unbedenklich, leiteten sich daraus nicht regelmäßig beunruhigende Politikempfehlungen ab. Passiviert sich die Handelsbilanz oder vergrößert sich das Defizit, wird nach Protektion gerufen. Entweder wird verlangt, das Ausland möge seine Importbarrieren senken, oder es werden eigene Einfuhrhemmnisse angedroht. So werden in den Vereinigten Staaten im Augenblick erneut Maßnahmen zur Eindämmung des rekordverdächtigen Handelsbilanzdefizits gefordert und öffentlich diskutiert. Unter diesen Maßnahmen werden Handelsbarrieren verstanden, die sich gegen Asiaten und Europäer richten. Je höher das Defizit, desto schärfer dabei der Ton.

Aus Sicht der amerikanischen Unternehmen besteht in der Tat ein Problem. Durch die zum Teil drastischen Abwertungen einiger asiatischer Währungen hat sich ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit erheblich verschlechtert. Exporte gingen zurück. Gleichzeitig gerät die Industrie, die mit asiatischen Exporten konkurriert, unter Druck. Kurzfristig läßt sich ein passiver Handelsbilanzsaldo (hier verstanden als Saldo sowohl des Güterhandels als auch des Dienstleistungshandels) durch Wechselkursveränderungen erklären. Aus Sicht der amerikanischen Industrie können hohe Einfuhrbarrieren die Preissenkungen der ausländischen Konkurrenz durchaus wieder etwas korrigieren. Allerdings gilt dies nur kurzfristig und ist überdies mit hohen gesamtwirtschaftlichen Kosten verbunden.

Mittelfristig ist ein solcher Handelsbilanzsaldo weder durch Importbarrieren noch durch Exportsteigerungen zu verändern. Auch Wechselkursänderungen wirken nur kurzfristig. Ein Saldo der Handelsbilanz ist der Reflex auf internationale Kapitalbewegungen. Dabei verhält es sich mit der Handelsbilanz eines Landes nicht anders als mit der individuellen Bilanz eines Bürgers: Erhält dieser einen Kredit (=Netto-Kapitalzustrom), kann er mehr konsumieren bzw. investieren (=Importe), als er durch Arbeit (=Exporte) an Einkommen in der laufenden Periode einnimmt. Dadurch entsteht ein individuelles Handelsbilanzdefizit. In späteren Jahren wird der Kredit getilgt. Während der Tilgungsdauer wird weniger konsumiert/investiert als an Einkommen erzielt (=Handelsbilanzüberschuß). Nahezu sämtliche Einfamilienhäuser werden auf diese Weise erworben und finanziert.

Auf die Volkswirtschaft angewendet, heißt dies folgendes: Der Netto-Kapitalzustrom eines Landes wird zum Konsum und zur Investition verwendet. Der Ausgleich der Zahlungsbilanz erfolgt dabei bei Abwesenheit von Transfers und Veränderungen der Devisenreserven über ein Handelsbilanzdefizit. Der Saldo der Handelsbilanz steht also fest. Aus Sicht der Handelspolitiker ist er exogen. Wenn also das US-amerikanische Handelsbilanzdefizit sehr hoch ist - was nicht erst seit der Asien-Krise der Fall ist -, verbirgt sich dahinter ein enormer Nettozustrom an Kapital. Erklärungen dafür gibt es: Die US-amerikanische Sparquote ist so gering wie seit sechzig Jahren nicht mehr. War es früher die Regierung, die einen großen Teil der Kapitalzuflüsse zur Finanzierung ihrer Budgetdefizite verwendete, so sind es heute die Privaten, die mehr ausgeben als sie einnehmen. Hinzu kommt, daß die internationalen Anleger momentan verunsichert sind und versuchen, ihre Mittel in sichere Häfen zu bringen, zu denen sie offenbar die Vereinigten Staaten zählen. Halten diese Trends an, wird trotz möglicher Aufwertungen der asiatischen Währungen eine passive Handelsbilanz bestehen bleiben.

Dies hat Konsequenzen für die mittel- bis langfristige Wirksamkeit von Protektionismus zur Senkung eines Handelsbilanzdefizits: Protektionismus verpufft nämlich wirkungslos! Durch Importbarrieren lassen sich zwar die Importe drosseln. Allerdings hat dies negative Auswirkungen auf die heimischen Exporte. Diese gehen ebenfalls zurück, und zwar solange, bis der alte Handelsbilanzsaldo wieder erreicht ist, wenn sich die Kapitalströme nicht verändern. Die Wirkungskette ist recht einfach: Gesunkene Importnachfrage führt unter sonst gleichbleibenden Bedingungen zur Aufwertung der heimischen Währung. Dadurch werden Exporte teurer und weniger nachgefragt als zuvor. Zudem besteht die Gefahr, daß das Ausland seinerseits zu Retorsionsmaßnahmen greift und die inländischen Exporte behindert.

Deshalb ist der Ausweg Protektionismus eine Falle. Anstatt das - für sich genommen aussagelose - Handelsbilanzdefizit zu beseitigen, bleiben Salden, d.h. Nettogrößen konstant. Ströme, d.h. Bruttogrößen sinken. Dies kostet Arbeitsplätze und Wachstumschancen und verschlechtert weltweit das handelspolitische Klima. Es gibt keinen logischen Zusammenhang zwischen Handelsbilanzsalden und Handelspolitik.

 
Andreas Freytag ist Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik.

© iwp, 1998