Andreas Freytag
Handelsbilanzen und Handelspolitik
Der Handelsbilanzsaldo scheint die wichtigste Kennzahl der wirtschaftlichen
Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu sein. Anders kann nicht erklärt werden, daß
regelmäßig, wenn neue Daten veröffentlicht werden, also monatlich, eine erregte Debatte
darüber anhebt. Ist die Handelsbilanz aktiv, fallen die Kommentare beruhigt aus; die
Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Unternehmen gilt als hoch. Eine passive Handelsbilanz
wird hingegen als Indiz für eine sehr mangelhafte Konkurrenzfähigkeit der inländischen
Unternehmen angesehen. Interessanterweise werden in diesem Fall zudem noch unfaire
Praktiken ausländischer Firmen oder gar Regierungen vermutet. Eine aktive Handelsbilanz
wird allerdings nicht auf ein solches Verhalten zurückgeführt.
Die Erregung wäre unbedenklich, leiteten sich daraus nicht regelmäßig beunruhigende
Politikempfehlungen ab. Passiviert sich die Handelsbilanz oder vergrößert sich das
Defizit, wird nach Protektion gerufen. Entweder wird verlangt, das Ausland möge seine
Importbarrieren senken, oder es werden eigene Einfuhrhemmnisse angedroht. So werden in den
Vereinigten Staaten im Augenblick erneut Maßnahmen zur Eindämmung des
rekordverdächtigen Handelsbilanzdefizits gefordert und öffentlich diskutiert. Unter
diesen Maßnahmen werden Handelsbarrieren verstanden, die sich gegen Asiaten und Europäer
richten. Je höher das Defizit, desto schärfer dabei der Ton.
Aus Sicht der amerikanischen Unternehmen besteht in der Tat ein Problem. Durch die zum
Teil drastischen Abwertungen einiger asiatischer Währungen hat sich ihre preisliche
Wettbewerbsfähigkeit erheblich verschlechtert. Exporte gingen zurück. Gleichzeitig
gerät die Industrie, die mit asiatischen Exporten konkurriert, unter Druck. Kurzfristig
läßt sich ein passiver Handelsbilanzsaldo (hier verstanden als Saldo sowohl des
Güterhandels als auch des Dienstleistungshandels) durch Wechselkursveränderungen
erklären. Aus Sicht der amerikanischen Industrie können hohe Einfuhrbarrieren die
Preissenkungen der ausländischen Konkurrenz durchaus wieder etwas korrigieren. Allerdings
gilt dies nur kurzfristig und ist überdies mit hohen gesamtwirtschaftlichen Kosten
verbunden.
Mittelfristig ist ein solcher Handelsbilanzsaldo weder durch Importbarrieren noch durch
Exportsteigerungen zu verändern. Auch Wechselkursänderungen wirken nur kurzfristig. Ein
Saldo der Handelsbilanz ist der Reflex auf internationale Kapitalbewegungen. Dabei
verhält es sich mit der Handelsbilanz eines Landes nicht anders als mit der individuellen
Bilanz eines Bürgers: Erhält dieser einen Kredit (=Netto-Kapitalzustrom), kann er mehr
konsumieren bzw. investieren (=Importe), als er durch Arbeit (=Exporte) an Einkommen in
der laufenden Periode einnimmt. Dadurch entsteht ein individuelles Handelsbilanzdefizit.
In späteren Jahren wird der Kredit getilgt. Während der Tilgungsdauer wird weniger
konsumiert/investiert als an Einkommen erzielt (=Handelsbilanzüberschuß). Nahezu
sämtliche Einfamilienhäuser werden auf diese Weise erworben und finanziert.
Auf die Volkswirtschaft angewendet, heißt dies folgendes: Der Netto-Kapitalzustrom
eines Landes wird zum Konsum und zur Investition verwendet. Der Ausgleich der
Zahlungsbilanz erfolgt dabei bei Abwesenheit von Transfers und Veränderungen der
Devisenreserven über ein Handelsbilanzdefizit. Der Saldo der Handelsbilanz steht also
fest. Aus Sicht der Handelspolitiker ist er exogen. Wenn also das US-amerikanische
Handelsbilanzdefizit sehr hoch ist - was nicht erst seit der Asien-Krise der Fall ist -,
verbirgt sich dahinter ein enormer Nettozustrom an Kapital. Erklärungen dafür gibt es:
Die US-amerikanische Sparquote ist so gering wie seit sechzig Jahren nicht mehr. War es
früher die Regierung, die einen großen Teil der Kapitalzuflüsse zur Finanzierung ihrer
Budgetdefizite verwendete, so sind es heute die Privaten, die mehr ausgeben als sie
einnehmen. Hinzu kommt, daß die internationalen Anleger momentan verunsichert sind und
versuchen, ihre Mittel in sichere Häfen zu bringen, zu denen sie offenbar die Vereinigten
Staaten zählen. Halten diese Trends an, wird trotz möglicher Aufwertungen der
asiatischen Währungen eine passive Handelsbilanz bestehen bleiben.
Dies hat Konsequenzen für die mittel- bis langfristige Wirksamkeit von Protektionismus
zur Senkung eines Handelsbilanzdefizits: Protektionismus verpufft nämlich wirkungslos!
Durch Importbarrieren lassen sich zwar die Importe drosseln. Allerdings hat dies negative
Auswirkungen auf die heimischen Exporte. Diese gehen ebenfalls zurück, und zwar solange,
bis der alte Handelsbilanzsaldo wieder erreicht ist, wenn sich die Kapitalströme nicht
verändern. Die Wirkungskette ist recht einfach: Gesunkene Importnachfrage führt unter
sonst gleichbleibenden Bedingungen zur Aufwertung der heimischen Währung. Dadurch werden
Exporte teurer und weniger nachgefragt als zuvor. Zudem besteht die Gefahr, daß das
Ausland seinerseits zu Retorsionsmaßnahmen greift und die inländischen Exporte
behindert.
Deshalb ist der Ausweg Protektionismus eine Falle. Anstatt das - für sich genommen
aussagelose - Handelsbilanzdefizit zu beseitigen, bleiben Salden, d.h. Nettogrößen
konstant. Ströme, d.h. Bruttogrößen sinken. Dies kostet Arbeitsplätze und
Wachstumschancen und verschlechtert weltweit das handelspolitische Klima. Es gibt keinen
logischen Zusammenhang zwischen Handelsbilanzsalden und Handelspolitik. |